Safinaz' Geschichte (Bertra und Pyoung Whoa)

In der ersten Septemberwoche 2015 waren unsere Schichtteams in 62 Notfallsituationen in der Ägäis involviert. In einem der vielen Schlauchboote befand sich Safinaz* mit ihrem Ehemann und dutzenden anderen Reisenden aus Syrien. Vollkommen unerwartet versagte der kleine Motor des Bootes und sie trieben in türkischen Gewässern. Panik brach aus, viele konnten nicht schwimmen und hatten Todesangst. Einige waren so voller Angst, dass sie in Betracht zogen umzukehren und zurück in die Türkei zu fahren. Doch die Mehrheit setzte sich für die Fortsetzung der Fahrt nach Lesbos ein. Während der Wartezeit auf die Abfahrt hatte Safinaz weder geschlafen noch gegessen und als nun Wasser in das kleine Boot schwappte, überkam sie eine starke Übelkeit.  Dennoch kramte sie ihr Telefon hervor und dachte darüber nach, wie sie um Hilfe rufen könnte. Ein Mitreisender hatte auf dem Arm eine Telefonnummer stehen und obwohl niemand wirklich wusste, worum es sich bei dieser Nummer handelte, wählte Safinaz die Nummer und erreichte so das Alarm Phone.

In unserer 1-Jahres-Alarm Phone Broschüre wurde bereits das WhatsApp-Chat-Protokoll veröffentlicht, das mit dem Notruf aus der Ägäis begann und unser Alarm Phone Mitglied Berta* erreichte.  Auch nachdem Safinaz Lesbos sicher erreicht hatte, blieben die beiden in Kontakt. Wir folgten Safinaz Weg durch Europa – über den Balkan nach Deutschland. Fast zwei Jahre nach dem ersten Chatkontakt, besuchten Berta und Maurice sie in einem kleinen Dorf in Hessen. Als sie ihre Türen für uns öffnete, durften wir auch ihre zwei Kinder kennenlernen, die gerade erst über die Möglichkeit des Familiennachzuges von Damaskus nach Deutschland gekommen waren. Safinaz und ihre Kinder waren zuvor eineinhalb Jahre getrennt gewesen.

Porträt von Safinaz
Photo: Safinaz

In fließendem Deutsch erzählt Safinaz uns von ihren Erfahrungen an diesem 2. September 2015, als sie um ihr Leben fürchtete. Sie machte deutlich, dass sie diesen Weg niemals gewählt hätte, wenn ihr vorher klar gewesen wäre, was sie erleben würde. Nach endlosen erfolglosen Versuchen mit dem Boot nach Griechenland zu gelangen, glaubt sie, als dann der Motor ausfiel, sie müsse es tatsächlich ein weiteres Mal versuchen – wenn sie denn überleben würden.

Zu wissen, dass Berta die Notsituation im Blick hatte und den Entwicklungen des Bootes folgte, also dass sie gesehen und gehört wurden, ermutigte und unterstütze sie, so Safinaz.

Nachdem das Boot bereits griechisches Gewässer erreicht und wir die griechische Küstenwache alarmiert hatten, zündete der Motor  endlich wieder und das Boot erreichte – wie hunderte andere Boote zu dieser Zeit – ohne Rettungsmaßnahmen und auf eigene Faust einen Strand im Norden der Insel. Noch in der Türkei hatten Safinaz und ihr Mann die Verantwortung für einen syrischen Jungen übernommen und seinen Eltern versprochen ihn sicher nach Deutschland zu seinem Onkel zu bringen. Doch zunächst hingen die drei zwei Wochen in Griechenland fest.

In dieser Zeit erreichten tausende Reisende die Insel und Zehntausende mussten unter Stress und zunehmenden Konflikten tagelang in der sengenden Sonne ausharren, um  registriert zu werden. Nachdem die drei es nach Athen geschafft hatten, nahmen sie sich eine kurze Auszeit. Kurz zuvor hatten tausende Reisende den budapester Bahnhof  Keleti verlassen, und brachen zum “March of Hope” auf, die Bewegung, die den Korridor über den Balkan öffnete und damit auch Safinaz den Weg ebnete. Sie schafften es gerade vor der Errichtung der Grenzzäune nach Ungarn und konnten direkt weiter nach Wien reisen. Sie entschieden sich kurzerhand nach Hamburg zu gehen, weil sie viel Gutes über die Stadt gehört hatten, doch auf ihrem Weg wurden sie von der Polizei aufgehalten und nach Beberbeck, einem Stadtteil von Hofgeismar in Hessen, umverteilt.

Safinaz fühlte sich willkommen, nur hatte sie mit ihrem Handyempfang zu kämpfen und wollte dringend ihre Familie in Syrien erreichen. Später schrieb sie Berta über WhatsApp: “Dieser Ort ist für Pferde, … für Kühe… nicht für Menschen.” Aber wenigstens war es ein ruhiger Ort an dem sie sich, nach den Strapazen der Reise endlich wieder ihrer großen Leidenschaft widmen konnte: Safinaz ist Künstlerin und Designerin, sie malt impressionistische Bilder und verwendet alle nur auffindbaren Materialien um Skulpturen anzufertigen. Später in den Norden Hessens gezogen, begann sie Geflüchteten Kurse anzubieten und arbeitet aktuell an einer eigenen Ausstellung. In ihrem Wohnzimmer hängt eines ihrer Werke, das Bild zeigt uns eine der ältesten Moscheen der Welt, die Umayyad Moschee in Damaskus.

Bevor wir wieder gehen, versichern wir uns gegenseitig ein baldiges Wiedersehen. Safinaz ist auch damit einverstanden, für einen Videoclip gefilmt zu werden, in dem es darum gehen soll, jene, die noch auf der Reise sind zu unterstützen und darin zu bestärken nicht aufzugeben. Sie bittet uns ihr entsprechende Fragen zu schicken, damit sie ihre Antworten auf deutsch vorbereiten könne. Doch wir wünschen uns von ihr, dass sie auf arabisch antwortet, da dieses Video Menschen direkt ansprechen soll, die den Weg noch vor sich haben. Sie lacht und sagt, “wenn das so ist, dann muss ich nichts vorbereiten, dann weiß ich ganz genau was ich ihnen sagen will”.

*Namen geändert

Gemälde von Safinaz
Photo: Safinaz

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